Weites Land in Dänemark

Posted: 25. September 2018

Wir saßen unter dem „Sacred Scratching Tree“ und genossen die warmen Sonnenstrahlen, die sich nach dem kalten dänischen Wind wohltuend auf unsere Gesichter legten. Vor wenigen Stunden noch waren wir uns völlig fremd, sprachen nun aber schon miteinander, als würden wir uns seit Jahren kennen. Das zeigte sich nicht nur in den Gesprächen, sondern auch in dem friedvollen Schweigen. Wir schauten den Pferden still aus der Ferne dabei zu, wie sie ihre bekannte Route einschlugen und irgendwann vom hohen, gelben Gras verschluckt wurden. Keiner sprach ein Wort, aber uns allen lag ein Lächeln auf den Lippen. Ab und an lugte eine Ohrenspitze hervor. Ein Windstoß brachte die langen Grashalme dazu, wie samtige Wellen im Meer zu tanzen. Ein Schnauben drang aus der Ferne an unsere Ohren. Wenn es einen Himmel gibt, dann habe ich ihn gefunden, dachte ich.

Ein junger Körper mit einer alten Seele

Seit vielen Monaten folge ich Sophie auf Instagram. Ich habe sie entdeckt, als eine Freundin einen ihrer Beiträge teilte, in dem sie über das natürliche Zusammenleben mit Pferden und artgerechte Haltung sprach. Ich verlor mich sofort in ihren Bildern und Worten. Ich verlor mich in ihrer ganzen Philosophie und konnte mich so sehr mit ihren Gedanken identifizieren.

Sophie wohnt in Dänemark, ist 21 Jahre jung und teilt in ihrem Blog und Instagram ihre Erlebnisse mit ihren beiden Pferde Torrin und Alvaro. Ihre Art, die Welt zu sehen, sich der Gesellschaft entgegen zu stellen und ihrem Herzensruf zu folgen, hat mich von Beginn an fasziniert.

Alvaro und Torrin leben auf 40 Hektar freiem Land. 40 Hektar, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ihnen fehlt es dort an nichts. Sie haben eine große Grassteppe, Hügel und Wald, einen Tümpel, Buschland, verschiedene Untergründe und für den Notfall auch einen richtigen Unterstand. Den benutzen sie aber ziemlich selten, hat mir Sophie gleich am Anfang erklärt. Eine kleine Eisenbahn (für Touristen der Gegend) fährt ab und zu durch das Gebiet, was die beiden Pferde aber überhaupt nicht stört.

Ich ging nicht zu Sophie, weil ich fotografieren wollte. Das war nicht meine oberste Priorität. Ich wollte sie einfach kennenlernen, sie und ihre Pferde leibhaftig erleben und über ihre Haltungsphilosophie lernen. Ich fühlte mich durch Social Media irgendwie mit ihr verbunden und es schien, als hätten wir eine Menge gemeinsam. Ich versuchte, meine Nord-Deutschland-Tour auszudehnen und Dänemark mit in die Route aufzunehmen. Als Sophie diesem Treffen zustimmte, hüpfte mein Herz wie an Weihnachten.

An den Tagen vor unserer Begegnung und besonders auf der Hinfahrt zwang ich mich, meine Erwartungen runter zu schrauben. Als Fotograf ist das oftmals sehr schwierig – man will ja eigentlich immer und überall die Kamera dabei haben und bloß keine spektakuläre Lichtsituation verpassen. Aber ich wollte mein Alter-Ego einmal zur Seite schieben und einfach Mensch sein. Fan-Girl durch und durch.

Wir entschlossen uns dazu, den ersten Abend rein zum Kennenlernen zu nutzen. So konnte sie mir in Ruhe ihre beiden Jungs vorstellen, das Gelände zeigen und wir könnten einfach ein bisschen miteinander quatschen. Schauen, ob die Chemie stimmt. Die Kamera hatte ich trotzdem dabei, denn man weiß ja schließlich nie, was passiert. Wie sich herausstellte, war das auch eine sehr gute Idee.

Als wir zu Beginn den Hügel hinauf liefen und die Pferde das erste Mal in unser Sichtfeld traten, konnte ich es gar nicht glauben. Die Fotos und Videos, die ich ständig auf Social Media betrachtete, waren nun plötzlich Realität und direkt vor mir. Und wie so oft war die Realität viel schöner als die virtuelle Welt.

Sophie stellte mir Torrin und Alvaro vor und erzählte mir ein bisschen von ihrer Geschichte. Wie sie zu beiden kam, welche Erlebnisse sie miteinander verband, und was sie für einen Charakter haben. Beide sind sehr unterschiedlich, und haben doch viele Gemeinsamkeiten. Torrin ist ein Highland Pony und sehr genügsam. Er erinnerte mich an die Ponies, die Malin und ich in Schottland trafen. Er hatte denselben Blick wie sie und eine wilde und raue Aura schwebte um ihn. Sein Gegenstück ist Alvaro. Der PRE Wallach ist sehr aufgeweckt, neugierig, und möchte immer mitten drin sein. Man sieht bei den beiden gewisse Parallelen zu einem alten Ehepaar.. Auch in dem, wie sie miteinander umgingen. Ein inniges Gespann, was sich vertraut, sich gegenseitig hilft und liebt, aber auch manchmal aneckt. So, wie es eben auch sein sollte – Ying und Yang.
Sophie war die perfekte Balance zwischen ihren beiden Pferden. Sie hatte das aufgeweckte und neugierige von Alvaro, aber strahlte dieselbe Ruhe aus wie Torrin.

Wir beendeten den großen Rundgang unter dem „Sacred Scratching Tree“, ein Baum auf einem Hügel, der sich aufgrund seines Wachstums perfekt zum Kratzen für die Pferde eignete. Dort saßen wir eine halbe Ewigkeit, sprachen über alles und nichts. Über die Gesellschaft und ihren sozialen Druck, über unsere eigenen Wege, Erlebnisse und Erkenntnisse .. und manchmal sprachen wir auch gar nicht. Dann genossen wir einfach die Aussicht auf die Pferde, beobachteten sie dabei, wie sie ungestört von Mensch und Zäunen durch die weite Graslandschaft wanderten. Zufrieden. Im Einklang mit der Welt.

Gegen Abend entschlossen wir uns dazu, zu ihnen zu gehen. Und als wäre all das ein Zeichen gewesen, entwickelte sich der Himmel plötzlich zu einem phänomenalen Farbenspiel. Von dunkelblau bis hin zu gleißenden Feuerfarben war alles dabei und ließ mein Fotografenherz höher schlagen. Wir fotografierten die Pferde gänzlich ohne Zwang und Erwartungen. Generell achte ich darauf, Pferden bei Fotosessions niemals meinen Willen aufzuzwingen. Wenn ich sehe, dass ein Pferd keine Lust hat zu rennen, dann muss es das auch nicht tun. Deshalb siehst du bei all den Fotos nur ein einziges in einer anderen Gangart als Schritt – aber das macht die Fotos nicht weniger wertvoll. Es ist wichtig, mit den Pferden in einer Einheit zu arbeiten. Man fotografiert ja schließlich nicht nur die oberflächlichen Erscheinungen, sondern vor allem die Gefühle, die in der Luft liegen und versucht die Einzigartigkeit des Charakters in ein Lichtbild zu projizieren. Gefühle brauchen Raum und müssen schwingen können. Als ich davon abließ, die Pferde in ein vorgedachtes Motiv, in eine gewisse Vorstellung zu pressen, fügte sich plötzlich eins zum anderen. Plötzlich machte Alvaro perfekt mit, hatte Spaß daran, mit Sophie ein paar Motive zu inszenieren oder schenkte mir ganz von sich aus einige innige Momente.
Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, das Pferde mir geben, wenn es scheint als würden wir uns in einer Art Kommunikation befinden. Manchmal spreche ich meine Wünsche und Hoffnungen für ein Motiv in Gedanken aus … und Pferde reagieren darauf. Wie durch Zauberhand. Nenn es Zufall, nenn es Glück – ich nenne es Magie. Ich bin fest überzeugt, dass es zwischen Erde und Himmel mehr gibt, als wir sehen oder anfassen können. Wo genau diese Kommunikation sich platzieren und erklären lässt, weiß ich nicht. Aber der nächste Morgen sollte mich in dieser Annahme, dass es eine unsichtbare Kraft zwischen Mensch und Pferd gibt, nochmal bestärken.

Sehen und Fühlen

Ein weiterer großer Punkt, warum ich Sophie kennenlernen wollte war die heilende Energiearbeit, die sie mit ihren Pferden betreibt. Ich selbst beschäftige mich seit einiger Zeit mit der energetischen Heilarbeit und bin unheimlich neugierig, was dieses Thema betrifft. Natürlich kann man solche Momente nicht erzwingen und ich rechnete nicht damit, dass ich überhaupt die Chance habe, es live zu sehen, aber tatsächlich bekam ich genau dazu die Chance.

Sophie erzählte mir, wie Pferde ihr zeigen, wo sie behandelt werden möchten. Aber was genau kann man mit Energie heilen, bzw. für was sind solche Einheiten geeignet? Ein klassisches Beispiel wären Verspannungen, Blockaden, Juckreize, Schwellungen, Entzündungen und allerhand andere Weh-Wehchen, bei denen viel zu oft ein chemisches Mittel zur Bekämpfung eingesetzt wird.

Wenn Torrin oder Alvaro eine Stelle haben, die sich Sophie näher annehmen sollte, kommen sie zu ihr und zeigen ihr, wo sie ihre Hände auflegen und ihre Energien fließen lassen soll. Wenn man es so erzählt, klingt das recht wage und unglaubwürdig. Selbst für mich, die an solche Kräfte glaubt, ist es immer schwierig gewesen, so etwas zu visualisieren. Bis ich es endlich gesehen habe.

Am Morgen nach unserem ersten Treffen sind wir abermals zu den Pferden gegangen. Sie standen diesmal am Eingangstor, es war kurz vor Mittag, und beide grasten gemütlich. Alvaro war wieder sehr neugierig, beschäftigte sich mit uns, war aufgeweckt und wollte unterhalten werden. Torrin hielt sich wie am Vortag im Hintergrund auf, genoss die Ruhe, fraß gemütlich und begrüßte uns nur kurz. Als wir alle zur Ruhe kamen – wir saßen auf einem abgestellten Bauern-Anhänger und Alvaro widmete sich auch wieder dem Grasen – entschloss sich Torrin plötzlich dazu, zu Sophie zu gehen.

Es dauerte ein paar Minuten, in denen er immer wieder neben ihr stand, einen Schritt vor und zurück machte, sich wiegte und sie ihre Hände an verschiedenen Körperstellen auflegte. Sie beobachte ihn und seine Reaktion ganz genau, und so arbeitete sie sich Stück für Stück zu der Stelle vor, wo er sie haben wollte. Schließlich landeten ihre Hände an seinem Genick und verweilten dort. Plötzlich interessierte sich Torrin nicht mehr für all die Fliegen, die um seine Nase schwirrten, ließ sich nicht von Spaziergängern ablenken, sondern schien vollends in sich vertieft. Als Zuschauer hatte man plötzlich Angst, ein lautes Geräusch zu machen, man hätte eine Feder zu Boden fallen hören können. Seine Unterlippe fing an immer tiefer zu hängen, er schloß die Augen leicht … und plötzlich, in absoluter Symbiose, atmeten Sophie und Torrin gleichzeitig ganz lang aus – als wären sie ein und derselbe Körper. Die Wirkung dieses Moments war so groß, dass selbst ich einen langen, entspannten Atemzug ausstieß. Die Behandlung dauerte noch ein paar weitere Minuten an, in denen für den augenscheinlichen Betrachter nicht mehr geschah, als das ein Mädchen ihre Hände auf den Hals eines Pferde auflegte.
Dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, entschloss Torrin, dass es genug war. Er machte einen Schritt zurück, Sophie wich von ihm. Er gähnte mehrfach. Ohne großartig nach einer passenden Stelle zu suchen, legte er sich ab. Einfach so. Er knickte die Beine, rollte sich zur Seite, zutiefst entspannt und losgelöst. Wow.
Sophie setzte sich neben ihn, rückte näher, und legte ihre Hände abermals auf, diesmal an der äußeren Schulter. Auch dort verweilte sie, während Torrin ihre Behandlung genoss und in sich aufsaugte. Nach ein paar weiteren Minuten setzte sich Sophie wieder in Abstand hin und genoss die Zweisamkeit. Mittlerweile hatte ich die Kamera in der Hand und fühlte mich bereit dazu, Fotos zu machen. Vorher hatte ich Angst, diesen Moment zu stören und wollte mit dem Klicken nicht dazwischen funken. Obwohl ich in einigen Metern Abstand saß, schaltete ich meine Kamera auf den Silent-Modus, damit der Auslöser so leise wie möglich war. Für mich war er immer noch zu laut – plötzlich fühlte sich alles so viel intensiver an.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich schon wieder Gänsehaut. Besonders der Moment, in dem beide synchron ausatmeten, schien so intim und voller Magie, wie ich es selten zuvor erlebt habe.

Ich würde mich als einen spirituell interessierten Menschen bezeichnen. Ich glaube an vieles und interessiere mich für sehr verschiedene Dinge – ich glaube an den Mond und die Sterne, ich glaube an eine höhere Kraft, egal ob man sie Gott, Universum, Schicksal oder sonst wie nennen möchte. Ich glaube daran, dass es mehr gibt, als wir sehen und anfassen können und ich glaube daran, dass alles, was wir tun, einem höheren Zweck in dieser Welt dient. Auch dann, wenn wir ihn vielleicht noch nicht sehen können. Und bis zu dieser Begegnung dachte ich auch, ich würde an Energie und ihre Heilkräfte glauben. Aber ich kam zu der Erkenntnis, dass man es nicht richtig glauben kann, nicht aufrichtig und wissentlich begreifen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Ich dachte ich wüsste, was Energiearbeit in uns bewirken kann. Ich dachte ich wüsste, wie sie funktioniert, was sie auslöst, und was sie verändert. Aber Tatsache ist: Ich wusste es bis dahin nicht. Die Praxis ist so viel mehr, als die Theorie beschreibt. Es war genau so, wie ich es mir ausgemalt habe, und doch ganz anders. Es war, als würde mein Körper zu mir sprechen und sagen „Schau, was in uns steckt. Sieh es dir an, was wir bewirken können. Du bist Energie. Wir alle sind Energie. Wir alle sind eins. Komm nach Hause.“

Nach Hause kommen

Komm nach Hause. Ein Satz, der während meines Treffens mit Sophie sehr oft in meinem Kopf schwebte, als würde meine innere Stimme immer lauter werden. Ich gab dieser Stimme nach und beschloss, dieses wunderbare Erlebnis in meinem Herzen zu tragen. Und noch viel mehr: Ich würde von nun an wieder viel mehr meinen eigenen Impulsen vertrauen. Meiner Intuition. Denn schließlich ist das auch nichts anderes, als pure, zielgerichtete Energie.

Und so war mein nächster Impuls, meine Reise zu verlängern. Anstatt den Weg nach Hause anzutreten, machte ich das, was mein Bauch mir sagte. Ich nahm mein Handy in die Hand, öffnete Malins Chat und fragte sie, ob sie am nächsten Tag irgendwas vor hätte. Spontan, verrückt, ja, ziemlich verrückt. Denn von dort wo ich war, trennten mich noch 4 weitere Stunden Fahrt zu ihr nach Schweden. Aber es fühlte sich plötzlich nicht nach sehr viel an. Diese weite Fahrt waren es mir wert, sie in Öland zu besuchen. Mein Impuls war richtig. Die Zeit in Schweden sollte eine Verlängerung für meine innere Stimme sein. Ein Verstärker und vielleicht auch ein Wegweiser. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Artikel.

Sophie – eine unglaublich feinfühlige und offene Person. Es ist mir immer noch schleierhaft, wie ein so junges Mädchen so eine tiefe Weisheit über den Umgang mit der Welt hat. Ihre Gedanken, ihre Ansichten, ihre ganze Philosophie zeugt von einem tiefen Verständnis für die Gesamtheit  und die Wichtigkeit der Natur. Ihr Umgang mit Pferden ist intuitiv, gefühlsgelenkt, aber nicht zu emotional. Sie ist aufmerksam, ruhig, und respektiert die Natur des Pferdes wie kaum jemand anderes.
Sie ist kein typisches Pferdemädchen, das auf die Wiese geht, sich ihren Lieblingen um den Hals wirft und mit ihnen spielt. Vielmehr beruht ihre Beziehung auf einer Wahrheit, auf einen respektvollen und gleichsam sehr herzlichen Umgang. Man kann eben doch beides sein. Pferdemädchen und Analystin. Heilende und Suchende. Man kann loslassen und trotzdem etwas dazu gewinnen. Genau so, wie es Sophie mit Alvaro und Torrin gemacht hat. Sie hat ihnen die Freiheit gegeben, und das hat sie nur noch näher zueinander geführt.

1 Comment

  • Olivia 28. September 2018 at 22:09

    Liebe Carina,
    dieser Blogeintrag ist wirklich unglaublich! Es steckt so viel Emotion und Göttlichkeit darin, dass ich wahrlich Gänsehaut beim Lesen hatte. Schon lange verfolge ich Sophies Arbeit und bin überzeugt davon, dass sie eine große Aufgabe für die Pferdewelt hat. Es braucht mehr Menschen, die Heilung und Licht den Tieren bringen.
    Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich merke, dass es Menschen wie dich geben, die diese Energie schätzen und mit Hilfe von Bildern nach außen in die Welt tragen.
    Einfach Danke, für diesen Blogartikel und die Magie dieser Bilder!
    Herzlichste Grüße,
    Olivia

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