Im Bann der Highlands (I.)

Posted: 17. August 2018

Ich lag unter meinem Dachfenster im Bett, kuschelte mich in die warme Decke ein, drückte die heiße Tasse Tee näher an mich und schaltete Netflix ein. Sonntag im November – ein Tag zum Faulenzen, ein Tag zum Träumen … und der Tag, an dem die Reise begann.
Bereits seit einigen Wochen habe ich eine Serie immer wieder neu gestartet, durchgesehen, neu gestartet, durchgesehen … Es war Outlander. Die optimale bing-worthy TV-Show. Die Story fesselte mich, keine Frage. Aber viel mehr noch waren es die Landschaften und das Feeling der Freiheit, das durch die Serie transportiert wurde. Diese herrliche raue Gegend, der Regen, die Winde, die Unbeugsamkeit, die Weite, die Möglichkeiten … Und das war der Moment. An diesem Sonntag in meinem Bett im November, als ich zu meinem Dachfenster hochblickte, auf dem die Regentropfen laut trommelten, beschloss ich: Ich will dahin. So schnell wie möglich. Auch, wenn es Winter ist.

Ich fand außerdem, dass es die perfekte Möglichkeit für eine kleine Auszeit ist. Ich alleine, irgendwo in den schottischen Highlands. Ja, das konnte ich mir gut vorstellen. Das Jahr war turbulent, geschäftlich anstrengend und emotional verworren, meine Gedanken immer noch am kreisen. Da kommt Schottland doch wie gerufen. Irgendwie kam dann doch alles anders, denn Malin Wengdahl aus Schweden (von der auch das Titelbild stammt) schrieb mich an, als sie von dieser Idee hörte, und irgendwie … passte es. Wir hatten bei unserem Treffen im Mai (2017) eh schon überlegt, mal gemeinsam loszuziehen. Und so beschlossen wir, diese Auszeit für uns beide zu nutzen. Sie kam für jeden von uns zur richtigen Zeit.

Ich bin kein großer Planer. Besonders dann nicht, wenn es nicht viel zu verlieren gibt. Wir haben vorher 2x geskypt und überlegt, wie viel Geld wir wohl bräuchten, was jeder von uns unbedingt sehen möchte und wie die Route ungefähr aussehen würde. Das war’s. Das einzige, was wir neben den Flügen im Voraus buchten, war das schottische Cottage auf der Isle of Skye, wo wir einige mehr Tage verbringen wollten. Alles andere blieb offen. Pferde wollten wir eigentlich nicht unbedingt suchen. Aber tatsächlich haben sie dann eher uns gefunden … aber dazu später mehr.

Let’s start in Edinburgh

05. Januar. Mein Flug landete zu erst, und so wartete ich ca. 1 Stunde auf Malin, die aus Schweden angereist kam. In dieser Zeit schoss mir natürlich einiges durch den Kopf. Würde das so klappen? Finden wir auch wirklich immer eine Unterkunft? Was, wenn das Wetter furchtbar wird? Die Zweifel, die auch meine Eltern wegen des Wetters geäußert hatten, wurden immer heftiger. Was, wenn Blitzeis-Gefahr ist oder wir eingeschneit werden? Was, wenn es nur regnet und man kaum etwas unternehmen kann? Aber auch hier wurde ich später eines Besseren gelehrt und es zeigte sich wieder, dass diese sorgenvolle Stunde eigentlich umsonst war.

 

Gemeinsam mit Malin suchten wir unseren Car-Rent-Service im Airport auf und machten uns dann direkt auf dem Weg in die Stadt. Im Linksverkehr. Für mich kein großes Thema, das kannte ich schließlich schon aus Namibia … allerdings waren die Straßen da größer (und staubiger) … und weniger befahren. Aber auch den Weg in die Stadt meisterten wir, während Malin auf dem Beifahrersitz ein Bed & Breakfast raussuchte. Schon vorher wurde mir von vielen Leuten empfohlen, spontan nach Unterkünften zu suchen. Im Winter ist das kein Problem und so würden wir sehr flexibel sein.

 

Unser B&B war relativ nah an der Innenstadt und so beschlossen wir uns abends zu Fuß auf den Weg zu machen, um die Stadt zu erkunden. Das Wetter zeigte sich von seiner schottischen Seite und war genau so, wie ich es erwartet (und befürchtet) hatte: kalt, verregnet, windig. Aber entgegen meiner Erwartungshaltung war das gar nicht so schlimm. Es war wunderschön. Das Wetter schmeichelte der Architektur und all den übergebliebenen Weihnachtsbeleuchtungen, es legte eine gemütliche Atmosphäre auf die Stadt und so fühlte man sich auch eher dazu verleitet, Gebäude zu betreten und zu erkunden. Ich kaufte eine heiße Schokolade an der Edinburgh Castle, wir staunten über die Schönheit der St. Giles Cathedral, durchliefen verwunschene kleine Gassen und stiegen den matschigen Weg hinauf zum Dugald Stewart Monument, wo wir einen Blick über die gesamte Stadt bei Nacht hatten. Wir holten uns einen Snack im Elephant House Café, saßen neben dem Tisch, wo J. K. Rowling einige Seiten ihrer ersten Harry Potter Bücher schrieb und ich betrat dort wohl das coolste WC der Welt – die Wände vollgeschrieben mit Nachrichten von Potterheads.

Am nächsten Tag fing unsere Reise richtig an – es ging in Richtung Norden. Da Outlander uns beide zu dieser Reise inspiriert hat und wir ziemliche Fans sind, wollten wir natürlich einige Film- und Drehorte besuchen. So stand Falkland als erster Stopp an (Falkland stellt in der Outlander Serie Inverness nach dem 2. Weltkrieg da). Plötzlich war das Wetter voll auf unserer Seite. Blauer Himmel und gleißender Sonnenschein machten die Temperaturen um den Nullpunkt zum perfekten Roadtripwetter. Auf dem Weg in den Cairngorms National Park stießen wir auf den ersten Schnee, der links und rechts von der Straße lag und sahen einige Schneewolken am Horizont .. aber immer noch – blauer Himmel über uns. Wir beschlossen in Aviemore zu halten um zu übernachten. Wir fanden ein tolles B&B, das genau so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein Aufenthaltsraum mit Kamin, vor dem wir den ganzen Abend saßen, dem Knistern zusahen, in unsere Bücher vertieft … die Zeit flog, fast surreal. Erstaunlicherweise hat fast jedes B&B eine vegane Option zum Frühstück, ist das zu glauben? Die McCartneys haben Lindas Philosophie geehrt und eine tolle vegane Fleischalternativ-Marke erschaffen, die dort wohl ziemlich angesagt ist. So konnten wir eigentlich alles essen, was jeder andere normale Schotte auch zum Frühstück isst … nur eben in vegan oder vegetarisch.

  

Auf in den Norden

Unser Weg führte uns nun noch weiter nördlich, zu dem Ort, auf den ich mich mit am meisten freute: Inverness und das Battlefield of Culloden. Wir besichtigten das Culloden Museum, das vielseitig und detailliert den ganzen Lauf des historischen Ereignisses darstellte. Anschließend betraten wir das Battlefield mit diesem gehemmten und ehrfürchtigen Gefühl in uns, dass das Museum hinterlassen hat. Empfangen wurden wir immer noch von Sonnenschein, aber da wir noch weiter im Norden waren, hatten wir mittlerweile Minustemperaturen, die sich anfühlten wie -20°C (was natürlich nur -5°C war).
Aber diese Kälte war nichts im Vergleich zu der Gänsehaut, die mir dieser Ort gab. Mit dem Wissen, wie viele Clans hier zerstört wurden, wie viele Menschen ihr Leben für eine Überzeugung ließen und auf welche brutale Weise sie starben, konnte man nicht anders als diese schwere Energie in sich zu spüren. Als würden immer noch Geister unzähliger Schotten und englischer Soldaten über diese endlosen Grasflächen des Moores gleiten. Was mich besonders rührte, waren die frischen Blumen, die an vielen Clan-Steinen lagen. Natürlich besonders viele am Clan-Fraser-Stein, aber auch an denen, die in der Serie keine Rolle spielten. Es war wundervoll zu sehen, dass es noch so vielen Jahrhunderten (Das Battle of Culloden fand 1746 statt) immer noch Menschen gab, die so ihrer Liebe für vergangene Angehörige Ausdruck verliehen oder ihren Respekt gegenüber den gefallenen Menschen zollten. Aber diese drückende, wenn auch faszinierende Stimmung, die konstant über dem Moor hing, werde ich niemals vergessen.

 

Wir besuchten anschließend einen Steinplatz, denn Craigh na Dun (Outlander) war ein fiktionaler Ort, aber dennoch wollten wir einen Steinkreis sehen oder zumindest etwas, was dem am nächsten kam. So landeten wir beim Balnuaran of Clava. Dort gab es eine zeremonielle Grabstädte, das „House of the Dead“, einige Steinplatten in verschiedensten Größen .. und auch wieder diese unbeschreibliche Energie, als könnte man sie anfassen, festhalten und mitnehmen.

 

Am Mittag entschieden wir uns dann, ein Stück weiter rauszufahren, um wirklich jede Minute zu nutzen, die wir haben. So fuhren wir von Inverness zu Loch Ness und zur dazugehörigen Burgruine Drumnadrochit. Was nach einer weiten Strecke klingt, ist in Wirklichkeit nur eine 30-minütige Autofahrt … Plus die vielen Stopps, die wir an verschiedenen Aussichtspunkten von Loch Ness gemacht haben. Und damit wir das hier mal gleich aus der Welt schaffen: Ich habe Nessie gesehen und habe Handynummern mit ihr ausgetauscht.

Loch Ness 

Was wir vorher schon immer wieder festgestellt haben, bestätigte sich an der Burg von Loch Ness abermals: Es war eine gute Idee, im Winter zu kommen. Wenige Touristen; Zeit, alles in Ruhe zu erkunden, die Preise sind meistens günstiger und es fühlt sich realer an, nicht so kommerzialisiert. Man kann mal für sich sein, die Gedanken schweifen lassen.
Am Abend fuhren wir zurück nach Inverness und machten einen Umweg an der Küste entlang Richtung Nordosten, um den Sonnenuntergang am Leuchtturm und Checkpoint Chanonry zu sehen – wir kamen auf die Minute genau rechtzeitig an.
Auf dem Rückweg schaute ich beim Fahren immer wieder links und rechts in die kleinen Gassen, die von der Hauptstraße abgingen und entdeckte so eine alte Kirchen-Ruine, die von innen beleuchtet war. Im Kontrast zum dunklen Blau der Nacht sah es wahnsinnig mystisch aus und wir verbrachten auch dort ein bisschen Zeit – so lange, wie wir die Kälte aushielten. Die bohrte sich durch die Trockenheit der Luft nämlich mit jedem Atemzug tiefer in die Lunge. Dieser kleine Abzweig ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, die Augen immer offen zu halten … Sonst hätten wir diesen hübschen Ort nämlich sicher nicht entdeckt.

Checkpoint Chanonry
 

Am nächsten Morgen begrüßte uns … immer noch die Sonne. Es war einfach nicht zu glauben, was wir für ein enormes Wetterglück hatten. Wir beschlossen, Inverness zu Fuß zu erkunden, haben uns Gebäude, Geschäfte und Kirchen angesehen und am Mittag aufgemacht, um die andere Seite der Highlands anzufahren. Wir mussten also quer von Osten nach Westen über das Land fahren, was ohne Pausen aber nur 3 Stunden dauern würde. Um möglichst viel von der Landschaft zu sehen, beschlossen wir, unsere Route weiter nach Norden zu erweitern und waren somit ca. 5 Stunden unterwegs … mit abermals zahllosen Pausen für Fotos und ehrfürchtige Ausblickmomente. Manchmal wussten wir gar nicht, wo wir waren … aber jedes Mal war es unbeschreiblich.

Ein letzter Blick auf Inverness
 
 
Das erste Foto auf der Isle of Skye…

Unser großes Zwischenziel: Isle of Skye

DAS Landschaftswunder, wie alle sagten. Nach den Bildern, die ich auf Google gefunden habe, konnte ich mir kaum vorstellen, dass es so einen verwunschenen Ort tatsächlich geben sollte. Und das ich gerade auf dem Weg dahin war. War dies vor wenigen Wochen nicht noch nur eine Idee gewesen?
Ich war gespannt, aufgeregt wie ein kleines Kind, und als die Brücke, die das Land mit der kleinen Insel verband, auftauchte, pochte mein Herz tatsächlich etwas lauter. Und dann waren wir dort. Isle of Skye.
Erst sah alles aus wie immer. Nichts besonderes. Ein paar Kleinstädte, eine Hauptstraße an der Küste … aber nach ein paar Minuten fing die Landschaft an, sich zu wandeln. Die Sonne sank schnell und so erlebten wir die Autofahrt zu unserem Cottage zur schönsten Tageszeit. Blöd nur, dass unser Navi unser Ziel … mitten auf den Ozean gesetzt hat. Irgendwas war bei der Programmierung falsch gelaufen (uns trifft GANZ sicher keine Schuld, ja ja), und so steuerten wir auf die falsche Seite der Insel zu, um angeblich eine Fähre zu nehmen, die uns 10km mitten im Meer absetzen sollte. Die Sonne verschwand langsam, und laut Navi sollten wir nochmal über 1 Stunde brauchen, weil es uns den halben Weg zurück schickte. Aber hey, nicht mit uns Mädels. Wir suchten uns eine lokale, kleine Straße raus, die uns direkt durch das Gebirge geradewegs zu unserem Cottage lenken sollte – 20 holprige Minuten. Es stellte sich heraus, dass es das Quiraing Gebirge war, und als wir dort waren, färbte sich der wolkenlose Himmel pink und türkis. Uns verschlug es den Atem.

Auf der Hälfte des kleinen Weges fanden wir diesen Bach, der die Farben des Himmels so herrlich spiegelte
 Quiraing

… Wie du siehst, wird dieser Beitrag ziemlich lang. Ich habe erst ein Drittel unserer Reise beschrieben und die aufregendsten Themen folgen noch – die märchenhafte und unglaublich vielseitige Landschaft von Skye, das besteigen von richtigen und mentalen Bergen, meine gedankenreiche Zeit im Cottage mit Blick auf die Küste, die anschließende Fahrt zu Harry Potter Drehorten, die Geisterpferde die wir trafen, die Hirsche die uns aus der Hand fraßen, und so viel mehr …

Ich möchte den schottischen Highlands nicht ihren Zauber nehmen, indem ich jetzt anfange, alles halbherzig runter zu rasseln. Die Highlands müssen atmen, wirken, leben … selbst in geschriebener Form. Deshalb werde ich hiermit den ersten Teil meines Reiseberichts beenden und sehe dich im nächsten wieder, der schon bald folgt!

 

1 Comment

  • Jessica 29. August 2018 at 18:12

    Oooh, wie wundervoll! Ich bin auch ein großer Fan der Outlander-Serie und Schottland steht schon lange auf meiner Reise-Wunschliste. Ich war zwar schon einmal dort, aber zum Arbeiten als Freiwillige auf einer Wal-Rettungs- und Forschungsstation. Da blieb keine Zeit um in die Highlands zu fahren… und hinterher alleine loszuziehen habe ich mich mit 18 Jahren noch nicht getraut. ;)

    Dein Text und die Fotos dazu schwingen geradezu von dieser Energie, die ich mir bisher nur in meinen Träumen vorstellen konnte.
    Ich kann es kaum erwarten Teil 2 zu lesen!!! :D

    Liebe Grüße,
    Jessica

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